Wie ein Babybauch Türen öffnet

Mit Grenzüberschritt nach Vietnam schien sich irgendwas geändert zu haben. Erst merkte ich nur verstohlene Blicke der dort lebenden Frauen, doch von Tag zu Tag, je größer mein Bauch wurde, stieg ihr Selbstbewusstsein, bis mich (gefühlt) jede zweite Frau darauf ansprach, ob ich denn ein Baby bekommen würde. Mit manchen Frauen wurden nur Fakten wie Junge/ Mädchen und welcher Monat ich wäre, ausgetauscht, aber mit anderen konnte ich je nach Englischkenntnissen längere Gespräche führen. Und damit wurde mir eine unsichtbare Tür geöffnet. Denn ob Verkäuferin, Kellnerin, Hotelangestellte, Schneiderin oder irgendeine Frau auf der Straße, meine neuen Gesprächspartnerinnen schienen nicht abzureißen. Von ihnen lernte ich, dass sie zum einen total verrückt nach Kindern sind und sich teilweise fast mehr darüber freuten, dass ich schwanger wäre, als ich selbst. Immer waren sie darauf bedacht, dass ich mich doch bitte setzen sollte und ob ich etwas zu trinken möchte. Teilweise nahm das komisch Formen an. Denn sie platzierten mich auf so kleine Stühle, dass ich kaum wieder hoch kam. Zum anderen, dass wir Frauen in Deutschland uns einfach nur glücklich schätzen können. Denn von ihnen bekam ich eine Sicht in ihre Leben, die ich wohl sonst nie bekommen hätte. Einige berichteten mir von ihrem Arbeitstag, andere von ihren Familien. Immer mit einem Lächeln auf den Lippen, obwohl ich sie oft nur entgeistert anschaute, weil ich nicht glauben wollte, was sie mir erzählten.

Viele von ihnen arbeiten tatsächlich zehn bis zwölf Stunden am Tag. Nur selten erlebte ich, dass sie auch mal einen Tag in der Woche frei haben. Oft war das Gegenteil der Fall: sieben Tage die Woche. Einige von ihnen hatte auch noch einen jeweils einstündigen Anfahrtsweg jeden Tag. Als ich sie fragte, ob sie denn Urlaub hätten, bekam ich Antworten von zwölf Tagen im Jahr bis hin zu zwei Tagen im Monat. Man beachte, dass dies ihre kompletten freien Tage im Jahr sind. Da bleibt nur wenig Zeit für die Familie. Eine 27-jährige Hotelangestellte machte sich selbst schon Sorgen, nie eine Familie gründen zu können, weil sie weder genug Geld verdienen würde, noch Zeit hätte, überhaupt einen Mann zu finden. Englisch hatte sie sich selbst mit Hilfe eines Buches beigebracht. Als ich sie fragte, ob sie denn krankenversichert wäre, schüttelte sie den Kopf. Sie dürfe einfach nicht krank werden, war ihre Antwort. Die ganze Zeit verlor sie nie ihr freundliches Lächeln. Andere Mütter schauten mich traurig an und berichteten, dass ihre Kinder den Tag über bei der Großmutter wären. Eine hatte sogar ein sechs Monate altes Baby, das sie kaum zu Gesicht bekam. Schon einige Tage nach der Geburt musste sie wieder anfangen zu arbeiten, weil die Familie auf das Geld ihres Geschäftes angewiesen ist. Viele der Frauen waren stolz, dass sie ein oder zwei Kinder hätten, aber alle verneinten auch nur noch eins mehr bekommen zu wollen. Sie freuten sich besonders über die Tatsache, dass ich einen Jungen bekommen würde, aber natürlich sind Mädchen auch toll, korrigierten sie sich sofort.

Ich hatte nie das Gefühl, dass auch nur eine Frau Mitleid von mir haben wollte, dafür war jede für sich einfach zu stolz, oder vielleicht war es auch Genügsamkeit. Ich weiß es nicht. Gerne hätte ich sie mit meinem Mitgefühl überhäuft, aber sie kamen mir nicht unglücklich oder leidvoll vor. Ganz im Gegenteil. Mit Freude berichteten sie von ihren Kindern, aber eine Melancholie konnte ich trotz ihres Lächelns erahnen.

Ob Süd oder Nord, die Geschichten ähnelten sich oft. Jede von ihnen hatte ihr eigenes Päckchen zu tragen und dennoch würde ich mir wünschen, auch nur ein wenig von der Würde, Stärke und Fröhlichkeit dieser Frauen in mich aufzunehmen und mit nach Deutschland zu tragen. Mein Bauch hat mir bildlich eine Tür geöffnet und Vietnam von einer anderen Seite gezeigt. Die kleinen Gespräche mit den Frauen wurden so zu einem wichtigen Bestandteil meiner persönlichen Erfahrungsreise durch Vietnam. Vielleicht kann ich zurzeit keine hohen Berge besteigen, oder wilde Raftingtouren machen, aber ich konnte diesen tollen Frauen auf einer Ebene begegnen, wie ich es bisher in keinem Land vorher konnte.

Andrea

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