Ayahuasca

Manche Erfahrungen muss man einfach machen, manche wiederum nicht. Anscheinend zu jedem Südamerikabesuch für Rucksackreisende dazugehörend ist die Naturdroge Ayahuasca. Ob in Kolumbien, Ecuador oder Peru, die halluzinogene Wirkung, die durch ein Getränk aus einer Kombination der Rinde des Banisteriopsis caapi vine und den Blättern der Psychotria viridis entsteht, wird vielerorts von Schamanen angeboten. Der Wirkstoff in Ayahuasca ist eine Substanz, die DMT genannt wird. DMT (Dimethyltryptamin) hat einen starken Einfluss auf das Bewusstsein und löst detaillierte, sehr helle und farbenreiche Visionen aus. Der Begriff Ayahuasca stammt aus der indigenen Sprache Quechua und bedeutet übersetzt „Liane der Geister/Toten“ oder „Ranke der Seelen/Seelenranke“. Bei Amazonas-Indianern wird Ayahuasca in rituellen/religiösen Zeremonien in Form eines Getränks zu sich genommen, um beispielsweise Geister zu treffen oder in die Zukunft blicken zu können. Nebenwirkungen der Einnahme sind Erbrechen, unkontrollierter Stuhlgang sowie eventuelle Angstzustände. So viel zur Theorie…

Wir hatten schon in Kolumbien von diesen sehr beliebten Zeremonien gehört und waren uns einig: „Nein, wir geben kein Geld dafür aus, uns mehrere Stunden zu Übergeben und die Kontrolle über unseren Körper zu verlieren.“ Dennoch hatten wir während unseres Dschungel-Trips die einmalige Möglichkeit, die Arbeit eines Schamanen zusammen mit 3 Franzosen zu beobachten. Was wir zu sehen bekamen, schwankte zwischen Interesse, Belustigung, aber auch Unverständnis und Sorge.

Man stelle sich einfach mal vor, wie sich Erwachsene im Kreis um einen mit weißem Hemd gekleideten Mann versammeln (wenig traditionell) und nach kurzer Einführung ein Getränk gereicht bekommen, dessen Inhalt die nächsten Stunden der Teilnehmer in aller höchstem Maße beeinflussen wird. Bei der Gabe wird den Anwesenden mit einem Säckchen auf dem Kopf geklopft, während der Schamane fleißig weiter singt. Der Schauplatz des Ganzen befindet sich dabei neben den eigenen Zelten, einem Feuerplatz und einem großen See, in dem es „nur Piranhas gibt, wenn man gerade nicht drin schwimmt.“ Es dauert schließlich nicht lange, bis sich der erste Teilnehmer (ein kräftig gebauter Mann) mit voller Macht neben der Feuerstelle übergeben muss. Wir, die dieses Spektakel menschlicher Evolution bewundern dürfen, merken wie die Bank unter seinen Zuckungen vibriert. Was danach folgt, sprengt sämtliche Vorstellungen, die wir uns aufgrund zahlreicher Erzählungen bereits im Vorfeld gemacht hatten. Nach und nach entfernen sich die Teilnehmer und von ihren Plätzen, sofern sie es noch schaffen, und übergeben sich im Umkreis von höchstens 10 Meter von unserem Zeltplatz. Was uns staunen lässt, ist jedoch die Zielstrebigkeit, mit der sie direkt im Anschluss ihre Plätze wieder einnehmen… Um dann wieder aufzustehen und das Prozedere zu wiederholen. Andere wiederum verwechseln Baum und Toiletten und so wurden wir Zeuge wie sich ein Erwachsener Mensch vor uns entblößte und „freien Lauf“ ließ. Spätestens zu diesem Zeitpunkt waren unsere Lachmuskeln bis zum Anschlag beansprucht. Bei solch selbstgemachtem Leid war uns Mitgefühl nahezu fremd.

Jedoch nahm das Ganze Formen an, die auch uns erschrecken ließen. Die Ayahuasca-Teilnehmer waren nicht mehr Herr der Lage und so wurde uns bewusst, wie „unglücklich“ die Wahl des Zeremonie-Ortes war. Überall gab es Gefahrenquellen: Bänke als Stolperfallen, offenes Feuer, endloser Regenwald und ein See mit Baumstümpfen am Ufer. Zudem waren die anwesenden Führer ebenso amüsiert über die Situation, was das Ganze noch obskurer machte. Denn auch der Schamane nahm das Getränk zu sich, was sicherlich nicht zu dessen Fürsorgepflicht beitrug. So prüften wir ab und zu die Atmung eines sich nun nur noch im Dämmerungszustand befindlichen Mädels. Andere zogen sich mit fortschreitender Zeit ins Zelt zurück, um dieses mit ihrem Erbrochenen zu zieren. Besonders zusammenreißen mussten wir uns, als unser Guide, der ebenfalls an der Zeremonie teilnahm, von oben bis unten vollgebrochen wurde. Er selbst konnte am nächsten Tag herzlich darüber lachen. Das ging aber beileibe nicht allen so. Aber auch sonst wurde die Nähe der Anderen gesucht und es bildeten sich Trauben von kuschelnden Menschen. Unser Frühstücksplatz für den nächsten Tag wurde derweil weiter ruiniert. Denn wer von den Führern konnte schon ahnen, dass die Küchenutensilien, die sich in unmittelbarer Nähe des Geschehens befanden, Opfer eines speienden Touristen werden könnte.

In der Nachbetrachtung wurden wir nur darin bestärkt, das Richtige getan zu haben. Zwar konnten einige Teilnehmer von Visionen berichten, jedoch wiegte das keineswegs die körperlichen Qualen auf, die sie durchmachen mussten. Nicht jeder kann halt einen 2-stündigen Orgasmus während der Zeremonie erfahren, so wie es uns auch schon berichtet wurde.

Sven

Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass die Fotos in der Diashow nicht von uns aufgenommen wurden. Aus Respekt gegenüber den Teilnehmer haben wir diese Zeremonie nicht aufgenommen.

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2 Antworten zu Ayahuasca

  1. Markus schreibt:

    Für mich stark übertrieben und arrogant, wie viel Urteil sich hier Menschen über tausendjährige, magische Rituale zutrauen, die das Gebräu nicht mal selbst probiert haben. Es handelt sich hier wohl um eine Abwehrhaltung, wo einzelne Aspekte, etwa das Erbrechen, zu einer psychologischen Entschuldigung zusammenkonstruiert werden.

    • Iddy Squirrel schreibt:

      Hallo Markus,
      unser Beitrag richtet sich keineswegs gegen die spirituellen Rituale der Bevölkerung. Im Gegenteil: es sind doch gerade solche Zeremonien, die ein Land und dessen Leute für Reisende interessant machen. Was wir kritisieren, ist nur, dass solche Rituale zur Köderung von Touristen genutzt werden und pubertierende Jugendliche sich den Rausch ihres Lebens besorgen wollen.

      Im dem Sinne sollten auch sie vielleicht lernen, nicht vorschnell über Menschen und ihre Haltungen zu urteilen.

      Mit freundlichen Grüßen

      Iddy und seine Gefährten

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