Christchurch I

Nach acht Monaten mussten auch wir feststellen, dass Geld nicht ewig hält und so haben wir uns für ein Working-Holiday Visa beworben. Da Bürokratie auch den Weg nach Neuseeland gefunden hat, haben wir uns für alle Erledigungen Christchurch als Basis gesucht. Hier verbrachten wir einen ganzen Monat. Für unsere vielgereisten Herzen eine willkommene Abwechslung. Endlich mal das Zelt hinstellen und stehen lassen, ist für uns eine komplett neue Erfahrung.

Und wir hätten uns auch keinen besseren Ort aussuchen können als unser neues Zuhause – den Top10 Holidaypark. Hier ist Leben noch wie im Himmel. Unser Vorgarten ist zum Beispiel einen schlappen Hektar groß. Da hat Sven dann so lange gebettelt, bis wir uns eine Frisbee-Scheibe gekauft haben. Jetzt könn(t)en wir in unserem Garten den ganzen Tag Frisbee spielen. Zwei Blumen fürs Gemüt gab es dann für mich und der Basilikum ‚Travelling-Bill‘ ist jetzt auch unser neuer Reisegefährte. Wie er den Weg zu uns fand, erzähl ich gleich. Desweiteren haben wir einen beheizten Pool, ein riesiges Hüpfekissen, einen Movie- sowie einen TV-Room und jede Menge neue Nachbarn.

Das absolute Highlight ist jedoch die Küche. Da Christchurch Anfangs- und, besonders für uns interessant, Endpunkt für viele Reisende ist, lassen viele Menschen ihre ganzen Essensreste in der Küche. Bevor ihr ‚Ihhh‘ sagt, wartet: wir reden hier nicht von angegessenen Toast, sondern von Cola-Dosen, Bier, komplett verschlossenen Nudelpackungen, Obst, Gemüse etc. Anfangs kamen wir uns wirklich komisch vor, aber die Leute freuen sich einfach, wenn es nicht weggeschmissen wird. Und ihr ahnt ja gar nicht wie teuer hier alles ist. Den Stolz abgelegt, haben wir die viele Spenden an uns also angenommen. So kauften wir für unsere kleine Butze ein, um dann festzustellen, dass am nächsten Tag:  Pfannen, Wäscheleinen und Tassen einfach dagelassen wurden. Ärgerlich. Und es kommt noch verrückter. An unserem dritten Tag hatten wir total Lust auf Bratkartoffeln, leider hatten wir bis dahin nur die Kartoffeln dazu. Wie zu Weihnachten lag dann am nächsten Morgen in der Küche für uns: Bacon, Eier, Käse, Saft und Joghurt bereit. Das ist jetzt kein Scherz. Um ein nicht unnormales Tagespensum mal aufzuzählen:

Am Mittwoch:

Möhren, Weintrauben, Ingwerbier, Chips, Saft, 2x Lachs, Thunfisch, Orangensoja, Weinessig, Marmelade, Pesto, Nudeln, Käsenudeln, Kekse, Müsli, Cornflakes, Zwiebeln, Knoblauchbutter, Salat, Tomaten, Salz, Klammern, Waschmittel, Alufolie, Internet für 1 Woche, Spritsparcoupon, eine Box.

Und das war nur ein Tag. Das meiste davon war ungeöffnet. Es wäre eine Schande das wegzuschmeißen. Und so haben wir jeden Tag Weihnachten. Auf diesem Wege trat auch ‚Travelling-Bill‘ in unser Leben. Andere Reisende haben ihn stehen gelassen und gebeten, dass man ihn adoptiert. Das haben wir dann auch gleich getan.

Auch ansonste habe ich mich in Christchurch verliebt. Wenn man in den Bus einsteigt, frag der 70-jährige Busfahrer freundlich, wie es mir geht und wenn man anhält, bedankt man sich höflich fürs Anhalten. Alles ist so Englisch. Das ist nach den harten Sitten in Südamerika wirklich ein Traum. Mir halten die Männer sogar wieder die Türen auf oder lassen mich beim bankautomat lächelnd vor.

Doch wenn man einen Stadtbummel durch Christchurch macht, fällt einem das harte Los dieser Stadt schnell auf. Man kann nämlich keinen machen. Vor fast genau zwei Jahren hat die Stadt ein Erdbeben heimgesucht, das die komplette Innenstadt und viele Randbezirke zerstört hat. Bis heute ist der Stadtkern nicht betretbar und der eigentliche Wiederaufbau hat noch nicht einmal begonnen. Es hat sehr lange gedauert bis man überhaupt die Infrastruktur wiederhergestellt hatte. Durch Christchurch zu laufen, ist sehr beklemmend. Man sieht Kirchen ohne Kirchturm, Theater, die zu Hälfte in Schutt liegen, verbrannte Häuser, Brücken, die nicht mehr betretbar sind, Wohnungen, die leer stehen. Nie haben wir auch nur eine Katastrophe mit solchen Ausmaßen gesehen und gespürt. Nach einer Erdbebenreihe über fast ein halbes Jahr, war das letzte Beben wohl das verheerendste. An diesem Tag starben 185 Menschen. So findet man in der Stadt ein Mahnmal mit 185 Stühlen. Man ist dazu angehalten sich einen Stuhl zu wählen, zu dem man sich hingezogen fühlt und kann so lange dort verweilen, wie man möchte. Spätestens hier merkt man das ganze Ausmaß der Katastrophe. Viele Menschen leben bis heute auf Campingplätzen, weil ihre Häuser nicht betretbar sind und die Versicherungen bisher keine Entschädigung geleistet haben – wenn man denn überhaupt eine hatte.

Dennoch haben wir hier auch so viel Lebensmut und Hoffnung gesehen. In der Stadt wird der neue Busbahnhof als Re:Start bezeichnet, in der Innenstadt hat man eine Einkaufsstraße aus Schiffscontainern gebaut und so mancher Lückenfüller (gap filler) in Form von bunten Paletten oder Blumen wurde auf den neuentstandene Freiflächen postiert… Man hat der Stadt das Herz herausgerissen, aber sie lebt trotzdem weiter. Der Terminkalender ist voll: so gehen wir zur Lazy Sunday Vorstellung im Botanischen Garten, wo Livemusik auf der Wiese gespielt wird, oder wir besuchen das chinesische Lichterfest, oder schlendern durch die Parks der Stadt. Christchurch hat mich einfach in den Bann gezogen und ich genieße die Ruhe vom ständigen umherziehen.

Beim nächsten Mal erfahrt ihr dann mehr zu Svens neuer Arbeitsstelle, unserem ersten Rugbyspiel, weiterer Besuch aus Stendal und einem 14 km Wohltätigkeitslauf… Seid gespannt, wir sind es auch.

Andrea

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Eine Antwort zu Christchurch I

  1. Anke schreibt:

    Ihr seid aber noch Camper? Ist das dann wie ein Gemeinschafts-Campingplatz oder gibt es ein Haus?
    Ich muss gleich mal Christchurch googeln, ich weiß ja gaaar nix über Neuseeland.
    Cheers!

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