Transsibirische Eisenbahn

Man soll ja bekanntlich vorsichtig damit sein, was man sich so alles wünscht. Nachdem feststand, dass ich alleine, allerdings direkt neben der Kabine der anderen, meine Fahrt nach Moskau bestreiten würde, hoffte ich nur noch auf eine russische Belegung und den ein oder anderen Wodka-Abend. Aber der Reihe nach…

9.288km, 6 Tage, durch 7 Zeitzonen, verschiedene Vegetationszonen (Taiga, Steppe) und mehrere Millionenstädte (Novosibirsk, Omsk, Jekatarinenburg) – all das lag noch vor uns, als wir uns Montag morgens am Bahnhof in Vladivostok aufmachten, die „Rossiya 001“ nach Moskau zu besteigen. Für viele Menschen ist es ein lang gehegter Traum, einmal mit der Transsibirischen Eisenbahn quer durch die Russische Föderation zu fahren. Und selbst für uns, die wir damals nicht mal alt genug waren, um in der DDR „Jungpioniere“ sein zu dürfen, gab es keine wirkliche Alternative, als unsere Reise stilecht mit der längsten Eisenbahnfahrt der Welt abzuschließen – auch wenn sich der Weg dorthin als äußerst steinig erwiesen hatte.

Und so überreichten wir – weniger stilecht – unsere E-Tickets an unsere Zugbegleiterin und sicherten uns Dank eines Willkommens-/Bestechungsgeschenk gleich erstmal Pluspunkte, von denen wir noch länger zehren sollten. Wir hatten ja so einige Stories über die Transsib gehört: die 2. Klasse ist voll mit Touristen, Babuschkas warten an den Bahnhöfen mit Suppenkesseln, gepullert wird ins Stehklo, das zugehörige Papier sollte man sich doch bitte selbst mitbringen,  und überhaupt könnte es doch manchmal etwas dreckiger werden. Getreu dem Motto „Alles kann, nichts muss“ ließen wir das Ganze auf uns zukommen.

Die ersten Kilometer lagen hinter uns, meine Kabine war immer noch leer und von Touristen keine Spur – soviel zu These Nummer eins. Insgesamt war der Zug wenig ausgelastet, mal abgesehen davon, dass es keine Touristensaison ist, gibt es mittlerweile auch Flüge, die ein Bruchteil kosten und anstatt in 6 Tagen die komplette Strecke in weniger als 6 Stunden hinter sich bringen. Nur die Romantiker zwängen sich da in 60 cm breite Betten mit totalen Unbekannten in eine 4er Kabine. Als selbst ich schon dachte, ich würde die erste Nacht alleine verbringen, erreichten wir Khabarovsk und zu mir gesellte sich der 27-jährige Mineningenieur Yevgeny. Toll, sagte ich zu mir, endlich schien der Weg zu meiner erlebnisreichen Zugfahrt geebnet. Dass Yevgeny schon etwas nach Alkohol roch, konnte mich nur wenig überraschen, wer möchte schon jenseits von Gut und Böse in einer Mine arbeiten. Und so freundeten wir uns schnell an, konnten allerdings die offensichtliche Sprachbarriere nicht überwinden. Selbst sein „Brother“ (bester Freund in Moskau) war Dank seiner ausgeprägteren Englischkenntnisse nur eine kleine Hilfe. Trotz allem kam er nach kurzer Verschnaufpause mit einer Flasche Cognac – ja Cognac, Wodka war aus – und russischer Schokolade zurück und hieß mich, Platz zu nehmen. „I go Russian Drink“ Und du kommst jetzt mit!!! Mit drei Ausrufezeichen. Von „Druschba“, das Zauberwort für jeden Transsib-Reisenden, war da noch keine Rede. Übersetzt soviel wie „Freundschaft“ ist es meist die Einladung zu 3-5fachen, hochprozentigen Schnaps und etwas zum Essen, in unserem Fall Bitterschokolade. Die ersten 3 Runden waren bereits um, der Cognac landete bereits eher neben als im Glas, und Yevgeny’s Gesichtszüge schienen ihm auch immer mehr zu entgleiten. Da die anderen bereits schliefen versuchte ich die Situation zu entschärfen und stellte mich schlafend. Aber nichts da, ein Wettstreit im Armdrücken musste her… Na toll, sagte ich zu mir, auch das noch… Gut, lasse ich ihn halt gewinnen und geh dann ins Bett. Yevgeny dachte jedoch nicht daran, kurzen Prozess zu machen und spielte mit mir. Mir wurde es irgendwann zu bunt und ich gewann dank 2-Promille-Unterschied. Das machte ihn leider fuchsteufelswild und er zeigte mir, dass wir doch jetzt auf den Gang gehen sollten, um zu boxen. Nett blieb er trotzdem… irgendwie… „NIX DA, ich geh jetzt ins Bett!!!“ Und komischerweise schien es zu klappen. Außer nächtlicher Schmuseeinlagen meines Kabinennachbarn, der seinen Körper nicht mehr unter Kontrolle hatte, verlief die Nacht ruhig.

Und auch die nächsten 2 Tage… Yevgeny hielt weiter seinen Pegel und versuchte, die „Druschba“-Karte auszuspielen. Dank unserer Zugbegleiterin, die unseren mit freien Oberkörper durch den Zug torkelnden Freund das ein oder andere Mal zur Raison bringen musste, hatten wir entspannte Stunden, bis er uns 2 Tage später in Chita verließ. Wir hatten mittlerweile unseren festen Tagesablauf gefunden: Frühstücken, aus dem Fenster gucken, Mittag im Essenswagen, Einkäufe an den Bahnhöfen erledigen, Karten spielen, wieder aus dem Fenster gucken, gemeinsames Kreuzworträtsel lösen, Tee durch im Samowar erwärmtes Wasser aufgießen, Abendessen, schlafen. Ein entspanntes Leben also. Mit einem Haken: all die tollen Sachen, die wir auf dieser Route hätten sehen können wie Großstädte, Flüsse, der Baikalsee oder der Ural, all diese Sehenswürdigkeiten erreichten wir, na klar, bei Nacht!!! Touristenfreundlich war das jedenfalls nicht.

Ein Unheil kommt ja selten allein und so dauerte es nur einen Tag, bis der gut 60-jährige Sergej plötzlich in meinem Abteil stand. Mit Hilfe vom Russisch-Deutsch-Wörterbuch lief die Kommunikation schon deutlich besser und so war schnell klar, dass auch er zur Deutsch-Russischen-Freundschaft beitragen wollte und den 2. Weltkrieg gerne vergessen würde (es wie andere Sowjetrussen allerdings nicht kann). Ehe er Mathias, der wegen seiner Rolle als Schwiegervater in spe und aufgrund seiner rudimentären Dolmetscherfähigkeiten in den Teufelskreis gezogen wurde, und mir Wodka und andere russische Spezialitäten anbot, lud er uns vorsorglich in sein Haus am Amur zum Hirschschießen und Angeln ein. So fürsorglich und bemüt er war, desto aufdringlicher und nervtötender konnte er leider sein, wenn das durchsichtige Gesöff durch seine Adern floss. Auch er wollte wie viele andere Einheimischen auf dieser Reise nur Gesellschaft. Uns verschreckte er damit leider immer mehr und so war es wieder unsere Schaffnerin, die ihm Einhalt gewähren musste.

Fazit: die Transsib ist eine Erfahrung wert, doch sicherlich nicht für Jedermann. Man sollte sich bereits im Vorfeld genau darüber klar werden, was einen hier erwartet. Unglaubliche Weiten, tausende Holzbaracken, die in mir den Eindruck eines Dritte-Welt-Land hinterließen, abertausende Birkenbäume, unzählige Flüsse, wenig Tiere und Klein-, Groß- und Millionenstädte. Für Adrenalinjunkies wäre dies sicherlich nichts. Aber auf jeden Fall auch mehr als eine Alternative zu einem Flug mit der Aeroflot Airline, bei der es an der mangelnden Action wahrscheinlich nicht gemangelt hätte.

Ach übrigens, die Toiletten und der Rest des Zuges wurde penibel sauber gehalten, wir waren auf der kompletten Reise die einzigen Touristen, Fische-verkaufende Babuschkas bekamen wir erst am Ende der Reise zu Gesicht und überhaupt: „es kommt eh immer alles anders als man denkt“.

Sven

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