Genozid der Roten Khmer

Was in den Jahren 1975-1979 in Kambodscha geschah, ist wohl kaum mit Worten beschreibbar, noch mit dem Geiste erfassbar. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll und wo meine Geschichte ein Ende nehmen kann.

Das Wort Genozid wird laut Wiktionary wie folgt definiert: [1] Völkerrecht: Straftat nach Artikel 6 des IStGH-Statutes, die alle Handlungen umfasst, welche objektiv darauf gerichtet sind, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe ganz oder zum Teil zu vernichten, und die subjektiv bezüglich der Einzeltaten nach Artikel 6 des IStGH-Statutes Vorsatz und außerdem die Absicht der vollständigen oder teilweisen Zerstörung der jeweiligen Gruppe in ihrer Eigenschaft als solcher erfordert.

Dahinter steht der Mord an einem Volk. Geprägt wurde der Begriff nach dem Holocaust im Jahre 1944 durch Raphael Lemkin, ein Jurist und Friedensforscher polnisch-jüdischer Herkunft, und bezeichnete zunächst die Verbrechen der Nationalsozialisten gegenüber den Juden. Doch in der jüngeren Weltgeschichte sollte es zu weiteren Völkermorden kommen.

  • Porajmos (1939–1945): Völkermord an den Sinti und Roma in der Zeit des Nationalsozialismus.
  • Völkermord in Burundi (1965 und 1972): Völkermord durch Tutsi an Hutu, ca. 100.000 bis 300.000 Tote.
  • Massaker von Sabra und Schatila (1982): Die Tötung palästinensischer Flüchtlinge in den Flüchtlingslagern von Sabra und Schatila durch christliche Phalange-Milizen während des libanesischen Bürgerkrieges.
  • Völkermord in Ruanda (1994): In annähernd 100 Tagen töteten Angehörige der Hutu-Mehrheit 800.000 – 1 Mio, also etwa 75 Prozent der in Ruanda lebenden Tutsi-Minderheit sowie moderate Hutu, die sich am Völkermord nicht beteiligten oder sich aktiv dagegen einsetzten.
  • Massaker von Srebrenica (Juli 1995): In der Gegend von Srebrenica wurden bis zu 8000 Bosniaken – vor allem Männer und Jungen zwischen 12 und 77 Jahren – getötet.

Der Genozid in Kambodscha nimmt eine Sonderstellung ein. Es wird als „Autogenozid“ bezeichnet, da sich hier der Völkermord am eigenen Volk vollzog. Ein sogenannter Selbstvölkermord. Die Schätzungen belaufen sich auf bis zu 3 Mio. getöteter Kambodschaner, ca. ein Drittel der gesamten kambodschanischen Bevölkerung. Was seit 1970 in diesem Land Indochinas geschah, übersteigt meine Vorstellungskraft. Je mehr ich darüber lese, umso dümmer und ungebildeter komme ich mir vor. Sicherlich habe ich schon etwas von Pol Pot, den Roten Khmer und dem Genozid gehört, dennoch waren mir jegliche Verbindungen mit dem Vietnamkrieg und die Folgen unbekannt.

Schon als ich in Ruanda mehr über den Genozid und seine Folgen lernte, konnte ich mir nicht vorstellen, wie so etwas passieren konnte. Man spürt noch heute die bedrückende Stimmung im Land und die verzweifelten Versuche der Regierung und Bevölkerung mit der Situation umzugehen. Jeder der in meinem Alter ist oder älter hat den Genozid aktiv erlebt. Sicherlich sind die Wunden des Völkermordes verheilt, aber die Erinnerung bleibt.

In Kambodscha spürt man nicht mehr diesen Schatten, der wie ein schwarzer Umhang über dem Land liegt. Das Land scheint im Aufbruch zu sein. Erst wenn man genauer hinschaut, merkt man ungewöhnliche Dinge. Wir haben kaum alte Menschen gesehen, die Menschen sind zwar freundlich, aber weitaus reservierter als die Laoten, viele Frauen tragen Pyjamas als normale Kleider, es gibt viele verstümmelte Menschen…

Doch was war geschehen? Noch Anfang der 1970er Jahre war Kambodscha das politisch stabilste Land in Indochina. „König Norodom Sihanouk befürchtete, dass sein Land die gerade gewonnene Unabhängigkeit (von der französischen Kolonialherrschaft) in diesem Konflikt (Südvietnam/Thailand gegen Nordvietnam)wieder verlieren könnte und zwischen den Nachbarländern zerrieben würde. Die einzige Chance für Kambodscha, langfristig als souveräner Staat zu überleben, sah er in einer strikten Neutralität nach dem Vorbild der Schweiz und einer wirtschaftlichen Unabhängigkeit vom Ausland. In seiner buddhistisch geprägten Mentalität sollte Kambodscha „zum Freund aller Länder und Blöcke“ werden.“ (Zitat Wikipedia)

Trotz dieser Neutralität, war Kambodscha den USA ein Dorn im Auge. Indochina wurde zum Spielball der Supermächte,  denn die kommunistischen Guerillas in Vietnam (Vietcong) nutzen die sogenannten Ho-Chi-Minh-Pfade nach Kambodscha als Transportwege und Rückzugsgebiete. Vermutlich führte ein durch die USA inszenierter Machtwechsel 1970 zum Verlust der Neutralität. Kambodscha wurde zum Unterstützer der USA. Im Exil wurde eine kommunistische Untergrundorganisation, die auch als Rote Khmer bekannt wurde, durch China und Nordvietnam unterstützt, aufgebaut.

Ohne die Neutralität Kambodschas übernahmen die Vietcong ca. 1/5 Kambodschas. Dies frequentierte die USA mit Flächenbombardements. Kambodscha wurde zum Kriegsschauplatz. Man schätzt, dass 200.000 bis 1,1 Mio. Menschen in diesen US-Angriffen ums Leben kamen. Damit trieben die USA die Landbevölkerung direkt in die Arme der Roten Khmer. Es herrschte Bürgerkrieg zwischen Regierungssoldaten und den Roten Khmer. Stadtbevölkerung und Landbevölkerung bekämpften sich auf brutalste Art. Dieser Hass entlud sich im April 1975, als die Roten Khmer die Hauptstadt Phnom Penh besetzten. Das Durchschnittsalter der einmarschierenden Soldaten betrug 13 Jahre. Die Stadtbevölkerung wurde binnen Tagen in Arbeitslager auf dem Land vertrieben. Wer in der Stadt blieb, wurde getötet. Innerhalb von 3 Wochen war die Hauptstadt eine Geisterstadt.

Die Roten Khmer um Pol Pot wollten einen kommunistisch-maoistischen Bauerstaat aufbauen. Das Land wurde von der Außenwelt hermetisch abgeriegelt. Pol Pot, selbst studierte er in Paris, sah seinen Feind in den Intelektuellen.

„Bald war jeder Überlebende zum Arbeiter gewandelt und gezwungen, eine schwarze Einheitskleidung zu tragen, die jede Individualität beseitigen sollte. Die Sprecher der Roten Khmer verkündeten den Beginn eines neuen revolutionären Zeitalters, in dem jede Form der Unterdrückung und der Gewaltherrschaft abgeschafft sei.

In den ersten Monaten dieser revolutionären Ära verwandelte sich das Land in ein gigantisches Arbeits- und Gefangenenlager. Tagesarbeitszeiten von zwölf Stunden oder mehr waren keine Seltenheit, und jeder Schritt der Arbeiter wurde so überwacht, dass fast jeder um sein Leben fürchten musste. So konnte auch, wer zu spät zur Arbeit kam, wegen des Verdachts auf Sabotage hingerichtet werden. Sprechen während der Arbeit war verboten.

Geld wurde abgeschafft, Bücher wurden verbrannt, Lehrer, Händler und beinahe die gesamte intellektuelle Elite des Landes wurden ermordet, um den Agrarkommunismus, wie er Pol Pot vorschwebte, zu verwirklichen. Die beabsichtigte Verlagerung der Wirtschaftstätigkeit aufs Land bedingte deren vollständiges Erliegen, da auch Industrie- und Dienstleistungsbetriebe – Banken, Krankenhäuser, Schulen – geschlossen wurden.“ (Wikipedia)

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„Vereinheitlichung des Justizsystems

  • Bis auf die Todesstrafe wurden alle anderen Strafen abgeschafft. Die Todesstrafe erfolgte zunächst durch Erschießen, später zur Einsparung von Munition durch Überstülpen und Verschließen einer Plastiktüte über den Kopf oder durch Erschlagen mit einer Feldhacke. Die Leichen wurden als Dünger auf die Felder gelegt.
  • Zunächst wurden diese Strafen innerhalb von Versammlungen ausgesprochen, in denen es zum Teil zunächst nur zu Verwarnungen kam, jedoch nach der ersten Verwarnung direkt die Todesstrafe folgte. Später wurden die Tötungen ohne Verwarnung und Versammlung vorgenommen.
  • Darüber hinaus wurden Gefängnisse wie beispielsweise Tuol Sleng eingerichtet, in denen Gefangene, von denen man Informationen erhoffte, systematisch zu Tode gefoltert wurden. Schwangeren Frauen ehemaliger Regierungsangestellter wurden beispielsweise die Bäuche aufgeschlitzt und die Föten vor den Augen der Mütter Hunden zum Fraß vorgeworfen. Säuglinge und Kleinkinder wurden vor den Augen der Eltern mit den Köpfen solange gegen Mauern oder Bäume geschleudert, bis der Schädel zerplatzte. Überlebte jemand die Folter in einem solchen Gefängnis, wurde er unter Umständen wieder freigelassen, jedoch gibt es weniger als ein Dutzend Berichte überlebender Gefangener. Von den zehntausenden Insassen des Foltergefängnisses Tuol Sleng sind nur sieben mit dem Leben davongekommen.“ (Wikipedia)

Es wurden ganze Killing Fields errichtet, wo Menschen mit einfachsten Mitteln (Hacken, Beile, Macheten) ermordet und in Massengräbern verscharrt wurden. Wer nicht durch die Hand der Roten Khmer starb, starb auf den Feldern oder wie es ein Überlebender schilderte, an Hoffnungslosigkeit. In der knapp vierjährigen Diktatur der Roten Khmer starben durch Krankheiten, Hunger und politische Massenmorde schätzungsweise zwei bis drei Millionen Kambodschaner. Damit wurde ca. 1/3 der Bevölkerung ermordet. 1977 betrug die zu durchschnittliche Lebenserwartung 32 Jahre.

1979 wurde Kambodscha durch vietnamesische Truppen befreit. Doch damit war das Leiden der Bevölkerung nicht beendet. Die Weltöffentlichkeit wollte den Vietnamesen keinen Glauben schenken und jegliche Berichte über die Gräueltaten wurden als kommunistische Propaganda abgetan. Die USA und die UNO unterstützen noch bis in die 90er Jahre Pol Pot und die Roten Khmer (die fast 3 Mio Menschen auf dem Gewissen hatten) sogar durch Waffenlieferungen. Erneut wurde Kambodscha zum Spielball der Supermächte. Licht ins Dunkel sollte erst 1989 auf Initiative von Michael Gorbatschow und durch das persönliche Engagement und die intensive Zusammenarbeit des russischen Diplomaten Igor Rogachew und des französischen Diplomaten Claude Martin kommen.

Alle Leser, die es bis hierher geschafft haben, haben meinen vollen Respekt. Doch auch euch muss ich sagen, dass dies nur eine ungenügende Kurzfassung der Ereignisse ist. Ich bitte euch inständig, euch mehr mit dem Thema zu beschäftigen. Allein die Wikipedia-Einträge zur Geschichte Kambodschas und den Roten Khmer sind unglaublich. Was die Weltmächte mit diesem Land gemacht haben, ist ein Kriegsverbrechen, für das nie jemand Rechenschaft ablegen musste, weder die USA, noch China oder Russland. Selbst Pol Pot hatte ein ruhiges Leben und starb in Frieden. Er wurde nie für seine Taten angeklagt.

Drei Millionen Menschen (nach pessimistischen Schätzungen) mussten sterben, weil sie eine Brille trugen, weiche Hände hatten, eine Fremdsprache konnten, oder ihre Hoffnung verloren hatten. Ganze Familien wurden ausgelöscht. Die Frage nach dem „Warum“ bleibt wohl immer offen…

Andrea

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