Phnom Penh

Phnom Penh ist wie ein großer Sandsturm, der die ganze Zeit in deinen Augen brennt. Du versuchst, die Augen zu öffnen, aber jedes Mal, wenn du es wagst, fliegt wieder ein neues Sandkorn hinein. Da hilft nur Augen zu und durch, oder eine nette Brille kaufen. Ich entschied mich für ersteres, die Brillenverkäufer gingen mir mit ihrem Gemauze nämlich etwas auf den Zeiger.

Versteht mich bitte nicht falsch. Phnom Penh ist keine hässliche Stadt. Ganz im Gegenteil, sie versucht aus einem langen Dornröschenschlaf endlich aufzuwachen, aber dennoch ist es eine Stadt, die irgendwie anders erscheint. Die Frauen erledigen ihre Tätigkeiten in den buntesten Schlafanzügen, die  ich je gesehen habe, und der Staub der Straßen scheint selbst durch Regenschauer nicht zu verschwinden. Er ist einfach immer da.

Wir wollten der Geschichte Kambodschas natürlich unseren Tribut zollen und entschieden uns, die Killing Fields bei Choeung Ek und das Gefängnis Tuol Sleng zu besuchen. Ich weiß nicht, was ich mir davon versprochen hatte, aber ich hatte gehofft, etwas Unbegreifliches vielleicht verstehen zu können. So ließen wir uns zum Eingang der Killing Fields fahren, kauften uns zwei Tickets und bekamen einen deutschen Audioguide. Wir drückten die Taste eins um zu beginnen. Der Mann, der wie ein trauriger Geschichtenerzähler klang, hieß uns willkommen und meinte wir sollten uns doch bitte mit dem Gerät vertraut machen. Das war nicht schwer. Es gab Ziffern für die verschieden Kapitel und eine Laut- und Leisetaste sowie eine Pausetaste. Dann begann er die Geschichte Kambodschas und seiner Menschen sowie dieses Ortes zu erzählen. Er gab aber nicht eine Geschichte aus alten Zeiten wieder, sondern brannte die Erinnerung dieses Ortes in unsere Herzen. Noch jetzt beim Schreiben kommen mir die Tränen. Ich kann mich nicht an seine Worte erinnern, nur an seine traurige Stimme, die zu versuchen schien, etwas unerklärbaren fassbar zu machen.

Der Ort hatte keine Gaskammern oder Foltergeräte, nur ein paar Erdhügel, Gedenktafeln und ein Mahnmal. Es war die Tatsache, dass noch immer tausende Menschen an diesem Ort begraben lagen, ohne Namen, ohne einen Hinweis auf ihre frühere Existenz. Mit Hacken und Beilen getötet, weil Munition für sie zu teuer gewesen war. Jeder Regenguss legt neue Knochenfragmente und Kleiderstücke der Toten frei. Und so kann man überall die stillen Zeugen sehen. Kleiderfetzen die sich in Baumwurzeln verhangen haben. Jeden Monat sammeln Helfer diese Kleiderreste und Knochen auf. Doch jeder Regen legt neue Beweise der Gräueltaten der Khmer Rouge frei. Nach fast 40 Jahren scheinen die Seelen dieses Ortes immer noch keine Ruhe gefunden zu haben. Wie eine stille Mahnung lassen sie uns wissen, dass Vergessen nicht möglich ist.

Wir konnten beide nicht reden, sahen uns mit feuchten Augen an und wussten keine Worte, die wir hätten sagen können. An einem Baum, der wie jeder andere aussah, sagte uns der Mann im Ohr, dass hier Babys und Kleinkinder solange gegengeschleudert wurden, bis ihr Schädel platzte. Meine Beine wurden zittrig, meinen Magen krampfte sich zusammen und ich konnte mich nur wegdrehen und gehen. Die Schädel, die als Mahnmal hinter Glas in einem Turm aufgestapelt wurden, schauten mich aus ihren tiefen Höhlen an. Ich weiß nicht warum, aber im Stillen wollte ich mich bei ihnen entschuldigen…

Wir hören drei Millionen Menschen und sind schockiert, aber für uns ist es doch so weit weg. Kambodscha, Vietnam, Ruanda… das ist doch eine andere Welt. Nein, ist es nicht. Es gibt keine Dritte Welt, es gibt nur die eine. Und auch nur der Versuch sich vorzustellen, welche Kraft die Khmer Rouge gehabt haben müssen, um drei Millionen Menschen mit der bloßen Hand zu töten, ist unvorstellbar. Welche Kraft es bedeutet, so viele lebende Menschen zu ermorden. Nennt mich makaber, aber wir haben alle schon einem ein Mücke oder Fliege getötet. Nach der dritten werden wir nervös, es wird uns lästig, nach der Zehnten haben wir keine Kraft mehr und fühlen und vielleicht sogar schlecht. DREI MILLIONEN MENSCHEN getötet mit Gartengeräten. Vergraben in Gruben. Und jeden Tag kamen mehr. Wenn die Mörder müde wurden, wurden sie selbst zu Opfern und es gab immer jemanden der sie ersetzte.

Der Ort ergriff mich in einer Weise, wie ich es bisher nicht erlebt hatte. Der Sprecher erreichte mein Herz mit seiner sachlichen Wiedergabe von Fakten. An diesem Tag legte sich ein schwarzer Schleier über uns. Der Besuch in Gefängnis Tuol Sleng, wo so viele Menschen gefoltert wurden, durchwanderten wir mit einer Müdigkeit, die uns die Vergangenheit auferlegt hatte. Nachdem ich in den Zellen getrocknete Blutflecken entdeckte, wollte ich nur noch weg… Ich konnte nicht mehr.

Was dieses  Land über Jahre erlebt hatte, könnte ich nicht mal einen Tag lang ertragen. Man hat diese Menschen so lange ihrem Schicksal überlassen und  die westliche Welt hat diese Verbrecher sogar noch Jahrzehnte mit Waffen und Geld versorgt, weil sie in Ihrem Wahn, den Kommunismus bekämpfen zu müssen, lieber einen Massenmörder unterstützen als einem Volk, das am Boden lag, zu helfen. Ich kam mir so schäbig vor, als Tourist durch die Straßen zu flanieren, nachdem all der Schrecken nur einen Wimpernschlag entfernt scheint. Ich habe den größten Respekt vor allen Kambodschanern, die mit erhobenem Kopf in die Zukunft schauen, zurückhaltend aber freundlich lächelnd ihre Gäste aus aller Welt begrüßen.

Andrea

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Eine Antwort zu Phnom Penh

  1. elala schreibt:

    unfassbar… :`(

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