Abenteuer Bahnfahren

Bahnfahren in Myanmar – das kann man getrost unter Abenteuer verbuchen. Selbst der Ticketkauf lief unter der Kategorie „Auf Irrwegen“. Aber der Reihe nach… Schon lange hatten wir uns vorgenommen, der Bahn als Transportmittel eine Chance zu geben. Schließlich haben Bahnfahrten allein schon einen Sightseeing-Faktor. Myanmar ist ja bekanntlich ehemalige Kronkolonie des Britisch Empires und daher fahren auch heute noch – knapp 60 Jahre nach Ende der Besetzung durch die Engländer – britische Züge und Wagons und versprühen königlichen Charme. Spätestens als wir uns auf der Homepage von „The Man in Seat 61“ [mehr] über die möglichen Routen informiert hatten, stand der Entschluss fest. „Yangon – Mandalay“ und „Mandalay – Hsipaw“ – diese beiden Strecken legten wir nun auf Schienen zurück.

Aber schon die Besorgung der Tickets für die erste Strecke glich einer Schnitzeljagd durch das Großstadtgewühl Yangons. Hier kann man eben nicht einfach mal zum Bahnhofsschalter gehen und sich die Karten holen. „Gehen Sie auf die andere Seite der Bahnstrecke, in der Nähe des Kinos ist der Verkauf für Touristen“, hieß es von einem Betelnüsse kauenden Mann am Informationsschalter. Kinos gibt es noch nicht lange in Myanmar, sollte also kein Problem sein, dort hinzufinden… Weit gefehlt, nicht nur, dass uns monsunartiger Regen die Suche erschwerte, auch die schnell voranschreitende Entwicklung in diesem sozialistischen Staat, erschwerte die Suche. Denn innerhalb von 100 m lagen plötzlich zwei Kinos in unmittelbarer Nähe vor uns – von einem Ticketverkauf jedoch keine Spur. Aus dem Nichts dann ein Schild „Ticket Office“. Also nichts als rüber auf die andere Seite der 6-spurigen, mit tiefen Wasserlöchern geflasterte Straße. Was jedoch aussah, wie der Hinterhof von einem Armutsviertel, stellte sich tatsächlich als der offizieller Verkaufsort für die Tickets heraus. 50 Schalter, aber keiner hatte Mandalay auf seinem Brett zu stehen. „Warmly welcome and take care of tourists“ – das war das einzige, was wir in unserer Schrift erkennen konnten. Dieser Slogan begleitete uns durch das ganze Land. Über seinen Sinn spekulieren wir aber noch heute. Sollen wir jetzt Rücksicht auf andere Touristen nehmen ? Oder uns sogar vor Ihnen in Acht nehmen? Jedenfalls fanden wir schließlich den richtigen Schalter, dank dem zweizahnigem Wichtel des Yangoner Bahnhofs, und buchten die Karten für die erste Fahrt.

Upper Class Sleeper – wenn Luxus, dann auch richtig. Kabine für 2 Personen, eigene Betten und Fenster, um die Aussicht zu genießen. So weit so gut. Wir wurden ja schon vorher darauf aufmerksam gemacht, dass die Fahrt etwas „bumpy“ werden kann, aber man macht sich ja keine Vorstellungen, was es bedeuten kann, in einem Entwicklungsland Bahn zu fahren. Wenn man 30cm hoch in die Luft oder zur Seite geschleudert zu wird, oder man zwei verbundene Wagons sich horizontal einen Meter in unterschiedliche Richtungen bewegen sieht, dann ist das alles ganz normal. Andrea’s Beschreibung zu ihren Toilettengängen: als müsse man auf einem Pferd bei vollem Galopp in die Kloschüssel zielen und treffen… Und da soll sich noch mal jemand über die Verhältnisse bei der Deutschen Bahn beschweren. Die bleiben wenigstens auf den Schienen. An Schlafen war also nicht zu denken, dennoch, die Fahrt war ein Erlebnis. Die Strecke war gesäumt mit hunderten, goldglänzenden Pagoden, auf Reisfeldern arbeitenden Bauern mit ihren Wasserbüffeln oder Mönche, die entlang der Bahnstrecke wanderten. Und so kamen wir etwas durchgerüttelt, durchnächtigt, aber heil und gesund am darauffolgenden Morgen in Mandalay an.

Der eigentliche Höhepunkt war jedoch die Fahrt von Mandalay nach Hsipaw im Shan-State. Die Route gilt unter Bahnliebhabern als eine der schönsten der Welt – also 4 Uhr morgens zum Bahnhof und los ging die wilde Fahrt. Immer weiter schraubten wir uns die Berge hinauf. Schön im Zackzack – vor und zurück – bis wir uns nach unzähligen Richtungs- und Gleiswechsel schließlich im landwirtschaftlich genutzten Hochland befanden. Aber das war noch lange nicht alles, denn auch für Nervenkitzel war gesorgt. Das Gokteik-Viadukt mit 17 Türmen mit jeweils 12-18m Spannweite erstreckt sich auf 689m Länge und – für die etwas schwindelsüchtigen – 102m Höhe. Es ist die höchste Brücke in Myanmar und als sie fertiggestellt wurde, war sie die größte von Eisenbahnen genutzte Trestle (oder für die Nicht-Angelsachsen unter uns: Bockbrücke oder Gerüstpfeilerviadukt) der Welt. Mit Schrittgeschwindigkeit tuckerten wir gemächlich über diese unglaubliche Konstruktion, atemberaubender Blick in das umliegende Tal inklusive. Und umso intensiver war das Gefühl, da sich keiner darum scherrte, ob man die Türen öffnete und seinen Körper im Fahrtwind abkühlte.

Sven

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