Andere Länder, andere Sitten

Ich hätte es nie erwartet, aber allein die Routine-Checkups in den verschieden Ländern gibt uns manchmal einen tieferen Einblick in die Kultur eines Landes, als man es vielleicht erwartet. So war unsere erste Untersuchung in Neuseeland sehr von dem Pragmatismus der Insulaner geprägt. In Deutschland hätte man wohl bei einer nachgewiesenen Schwangerschaft einen Ultraschall gemacht, eine Familien- und Sozialanamnese und längere Beratungsgespräche geführt. Mein Arztbesuch sah eher so aus, dass die Ärztin einen Schwangerschaftstest machte, uns gratulierte, dass wir ein Kind bekommen, und mir ein paar Coupons für Windeln sowie ein Buch über Schwangerschaft in die Hand drückte. Als ich sie fragte, ob sie denn kein Ultraschall machen wolle, sagte sie nur: „Da sieht man doch noch nicht viel.“ Gut das sehe ich ein. Dann erwiderte ich, dass man das in Deutschland so machen würde, weil man eine Eileiterschwangerschaft ausschließen wollte. Daraufhin sie: In ihren ganzen Jahren hatte sie nicht eine Patientin mit einer Eileiterschwangerschaft und wenn etwas nicht stimmen würde, würde ich das ganz schnell mitbekommen. Wenn ich Krämpfe und Blutungen habe, sollte ich einfach ganz schnell zum Arzt gehen. Wenn nicht, ist alles gut. Die Frau sagte das mit so einer Überzeugung, dass ich ihren Optimismus einfach teilte. Desweiteren erfuhr ich noch das „Date of Delivery“ (Datum des Lieferung). Das Päckchen wird wohl zum 30.1.2014 geliefert.

Bei der Blutuntersuchung, freute die Schwester sich fast mehr über die Nachricht als wir. Ganz überschwänglich gratulierte sie mir und fragte mich tausende Sachen. Ich, noch im Delirium der Entwicklung des Tages, fühlte mich, als ob ich eine unsichtbare Linie überschritten hätte. Plötzlich und ganz heimlich haben sich Fragen wie „Ist das ihr erstes Kind?“ und „Wollen sie lieber einen Jungen oder ein Mädchen?“ in mein Leben geschlichen. Wenn man sich als Paar dafür entscheidet, ein Kind zu bekommen, geschieht das im Stillen und jetzt wurde ich von fremden Menschen zu einem Kind beglückwünscht. Mein einziger Gedanke war: Was wollen die denn von mir, ich fühl mich doch gar nicht schwanger. Aber mein Urin sagte in einem grellen Pink, dass ich es bin. Damit schien sich für mich alles zu verändern: Was kann ich noch essen? Was darf ich überhaupt noch alles machen? Auf Alkohol hatte ich ja schon vorher verzichten gelernt und einige andere Essensregeln befolgt, aber jetzt wo es ernst wurde, wälzten wir einen Schwangerschaftsratgeber nach dem anderen. Schließlich stand Asien schon vor der Tür. Dort würde es nicht leichter werden.

Bald stellten sich auch die ersten Zeichen der Schwangerschaft ein. Bei Alkoholfahnen kommt mir regelmäßig ein gewisser Brechreiz, Fisch liegt mir auch nicht immer, ich würde gerne NOCH mehr schlafen als früher und selbst einfache Treppchen fühlen sich an wie der Mount Everest. Dennoch blieb ich wohl von den schlimmsten Schwangerschaftserscheinungen verschont. Darum bin ich auch nicht böse.

In Singapur stand dann nach den ersten drei Monaten die erste große Untersuchung an. Der Schriftverkehr dauerte allein drei Wochen und die haben mir Fragen gestellt, dass ich manchmal rot im Gesicht wurde. Als wir zum Krankenhaus bzw. zur Frauen- und Kinderklinik kamen, wurde uns auch bewusst warum. So ein modernes Krankenhaus hatten wir bisher noch nicht gesehen. Im Krankenhaus gab es sogar eine Einkaufstraße und eine riesige Essenshalle, extra zugeschnitten auf die Bedürfnisse von schwangeren Frauen und Familien mit Kindern. Ich werde das in Deutschland dann auch mal vorschlagen. Ach fast hätte ich es vergessen, wir wurden persönlich von einer Ausländerkoordinatorin empfangen und sie begleitete uns durch den ganzen Tag. Sie half uns bei den Terminen und bei manch störrischer Tresenschwester.

Ich hatte mich extra für eine Frauenärztin entschieden, leider war Edwina der Nachnahme und ich landete bei einem Mann. Der war aber so lieb, dass ich jetzt nur noch zu Männern möchte. Er zeigte uns dann auch zum ersten Mal, dass ich da wirklich einen kleinen Wurm drin habe, der fleißig zappelt und auch am Daumen lutscht. Auch hier kam ich wieder mit einer langen Liste an Untersuchungen, die man in Deutschland macht. Meine „Edwina“ lachte nur darüber und meinte, ob ich irgendwelche Probleme in meinem Lendenbereich hätte. Das konnte ich zum Glück verneinen: dann grinste er und meinte, dass sie hier in Singapur, dann auf unnötige Untersuchungen verzichten würden. Hmm, skeptisch musste ich ihm Recht geben, aber einen zusätzlichen Test konnte ich auf unserem Untersuchungsbasar dann doch durchsetzen. Aber Ende gut, alles gut. Mutter und Kind sind wohl auf. Meinen „In-der-Ruhe-liegt-die-Kraft“-Arzt konnte ich dann zum Schluss doch nochmal aus der Reserve locken, als ich nach Augentropfen fragte, die ich nach dem Schwimmen benutzen könnte. Vollkommen entsetzt fragte er mich, wo ich denn schwimmen würde. Ganz selbstbewusst antwortete ich: „Schwimmhalle“. Da schien sein Herz wieder in gewohnten Bahnen zu hüpfen. Leider sagte er mir im nächsten Atemzug, dass ich nicht ins Meer gehen dürfte. Ich dachte das wäre ein Scherz, aber leider meinte er es sehr ernst. Und das nach dem ich schon auf manche Untersuchung bestehen musste. Es schien ihm mehr als ernst zu sein. Eine Horrornachricht, wenn man bedenkt, dass wir in den nächsten Wochen an die schönsten Bade- und Schnorchelplätze der Welt fahren.

Bei der großen Ultraschalluntersuchung kam ich mir dann eher wie im Kino vor. Denn auf einem großen Plasmabildschirm durften wir alles begutachten, was die Ultraschallfrau untersuchte.  2 Arme, 5 Finger an jeder Hand, 2 Beine, ein kräftig schlagendes Herz, einen Dickkopf, Blase und Magen, sowie Nabelschnur, Daumen lutschen und Schluckauf konnten wir auf unserer „Was unser Kind schon alles hat und kann“-Liste abhaken. Der Test auf Trisomie 21 zeigte ein Risiko von 1:9000, was mehr als beruhigend ist. Die Chance ein Wunderkind zu bekommen, ist glaube ich höher. Damit war dann unser ganztägiger Ärzte- und Untersuchungsmarathon beendet und wir kehrten mit diversen Ultraschallbildern zurück in unser Hostel.

Somit ist es offiziell: ich bin jetzt der Partypuper in unserer Reisegruppe. Keine großen Wandertouren, kein Bade- und Schnorcheleinlagen, keine Trinkgelage, keine Adrenalinaktionen, bei mir stehen jetzt Yoga, die Suche nach Milch und Karottensaft und Angeln auf der Unternehmungsliste. Ja, denn angeln darf ich nämlich noch, zumindest steht es nirgends, dass es verboten ist, nur leider will immer keiner mitkommen. Ist allen wohl zu langweilig.

Andrea

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